SEXAGESIMÄ

Epistel: 2. Kor. 11,19-31
Evangelium: Luk. 8, 4-15

Epistel 2. Korinther 11, 19-31

19 Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid! 20 Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn euch jemand erniedrigt, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt. 21 Zu meiner Schande muss ich sagen, dazu waren wir zu schwach! Wo einer kühn ist - ich rede in Torheit -, da bin ich auch kühn. 22 Sie sind Hebräer - ich auch! Sie sind Israeliten - ich auch! Sie sind Abrahams Kinder - ich auch! 23 Sie sind Diener Christi - ich rede töricht: ich bin's weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. 24 Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; 25 ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; 27 in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; 28 und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. 29 Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? 30 Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen. 31 Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.

Evangelium Lukas 8, 4-15

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. 6 Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's. 8 Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! 9 Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. 10 Er aber sprach: Euch ist's gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören. 11 Das Gleichnis aber bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die aber auf dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. 13 Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Doch sie haben keine Wurzel; eine Zeitlang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14 Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht. 15 Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

Armstrong 1865

Die Epistel und das Evangelium dieses Sonntags zeigen uns, welche Behandlung Gottes Wort und Diener in dieser Welt zu erwarten haben. Die Hörer des Evangeliums werden in vier Klassen eingeteilt, von welchen nur eine die Frucht bringt, die zur Vollkommenheit heranreift. Die erste Klasse nimmt das Wort Gottes überhaupt nicht in sich auf. Die zweite Klasse freut sich über Gottes Wort eine Zeitlang, bis dasselbe mit dem har¬ten Untergrund und der Unbiegsamkeit ihrer Natur in Berührung kommt, dem verborgenen Fels, der die Wahrheit nicht zur vollen Herrschaft über sie kommen lässt. Die dritte Klasse nimmt das Wort an und hält daran fest bis ans Ende, aber gestattet ihm nicht, ihr Leben umzugestalten: in allen Fällen, wo dem Worte Gottes gegenüber die Sorgen des Lebens, die Inte¬ressen dieser Welt und die Wünsche und Begierden des natürlichen Men¬schen ihre Ansprüche erheben, wird den letzteren der Vorzug gegeben, und die Anforderungen des Wortes Gottes müssen warten, bis die andere Seite zuerst befriedigt ist; das Unkraut und der gute Same bekämpfen sich auf dem Acker, und das Unkraut überwiegt. Die vierte Klasse nimmt Got¬tes Wort an und unterwirft sich seiner Macht, tut vor demselben sein Herz ganz und ohne Rückhalt auf und räumt ihm volle Macht zu wirken ein. Doch ist auch in der vierten Klasse die Fruchtbarkeit nicht überall dieselbe. Der Herr zeigt uns ein dreifaches Maß, drei verschiedene Stufen der Hingabe an Gott. Es gibt unter denen, an welchen der Herr Wohlgefal¬len hat, einige, in welchen der Herr mehr Freiheit zu wirken hat als in anderen, welchen Er mehr von Seinem guten und vollkommenen Willen zeigen und in welchen Er mehr davon zur Ausführung bringen kann. Selig mehr als alle anderen sind diejenigen, durch welche der Herr Seinen Gnadenratschluss am weitesten ausrichten kann, der auf die Heiligung des Namens Gottes, auf die Aufrichtung des Reiches Gottes und auf die Erfül¬lung des Willens Gottes auf Erden gerichtet ist. Die Apostel sagten zu den Gläubigen ihr tut recht; doch werdet auch vollkommen, nehmt immerdar zu im Guten! Sie bezeugten es, dass manche nach ihren Kräften taten, und sie ermahnten alle, zuzunehmen in der Gnade und in der Erkenntnis des Herrn und Heilandes Jesus Christus, Fleiß zu tun, um der Vollkommenheit immer näher zu kommen, danach zu trachten, dass alle ohne Fehler wären. In der vierten Klasse, welche bleibende Frucht bringt, gibt es wieder drei Klassen, die einen immer fortschreitenden Sieg darstellen über die Hinder¬nisse, die das Gedeihen des guten Samens, den Erfolg der Wahrheit, in den drei unfruchtbaren Klassen unmöglich machten.

Einige unter den mit dem guten Acker verglichenen sind geschickter als andere darin, die bösen Einflüsse zu meiden, die uns als die „Vögel der Luft“ geschildert werden; darin den Widerstand im eigenen Herzen zu überwinden, der durch den Fels im Acker uns angedeutet wird; und darin, sich von den Sorgen und Lüsten frei zu machen, die durch die Dornen dar¬gestellt werden, diesen Anzeichen des fluchbeladenen Standes des Men¬schen, diesem Erzeugnis eines Ackers, der bald mit Feuer zu verbrennen ist. Die Kirche ist berufen für ein Wachstum zur Vollkommenheit. „Einen jeglichen Reben an Mir, der da Frucht bringt, wird Mein Vater als der Weingärtner reinigen, dass er mehr Frucht bringe.“ Der Herr möchte an alle das Lob richten, das Er über Thyatira ausgesprochen, ohne den damit ver¬bundenen Tadel: „Ich weiß deine Werke und deine Liebe und deinen Dienst und deinen Glauben und deine Geduld, und dass du je länger je mehr tust.“ - Im Gleichnis vom Sämann wird uns eine dreifache Verunehrung von Gottes Wort in dieser Welt und auch eine dreifache herrliche Erfüllung desselben unter den Gläubigen gezeigt. Möge die letztere an der Kirche in unseren Tagen gesehen werden! Gott hat uns in günstige Ver¬hältnisse gestellt, Er hat vor uns eine offene Tür gegeben, wir können die Gnade Christi wieder in vollem Maße genießen.

Alle Dinge sind möglich denjenigen, die dem Herrn vertrauen können. Doch zeigt uns die Epistel unseres Sonntags, welches Los in dieser Welt denen zufiel, die am Anfang die Herolde des Heils Christi waren. Sie säten die Saat des Lebens mit Tränen. Sie waren Menschen, doch war das Wort, welches sie sprachen, Gottes Wort. „Ich tue euch kund, liebe Brüder,“ sagt Paulus, „dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlich ist; denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernt, son¬dern durch die Offenbarung Jesu Christi.“ „Darum auch wir ohne Unterlass Gott danken, dass ihr, da ihr empfingt von uns das Wort göttlicher Predigt, nahmt ihr es auf, nicht als Menschenwort, sondern (wie es denn wahrhaftig ist) als Gottes Wort, welches auch wirkt in euch, die ihr glaubt.“

Der himmlische Schatz war in irdenen Gefäßen. Um den Schatz zu ver¬nichten, wurden Anstrengungen gemacht, die Gefäße zu verderben und zu zerbrechen. Hört, welch einen Bericht von seinen Erfahrungen der Mann erstattet, dem es in hervorragendem Maß gegeben war, Gottes Namen und Gnade dem Menschengeschlecht zu verkündigen. Die Epistel des letzten Sonntags zeigte uns, wie er an sich selbst Zucht übte, um für das ihm auf¬getragene Werk geschickt zu sein. Und die Epistel dieses Sonntags teilt uns seine weiteren Erfahrungen in dem Amt mit, für welches er sich mit solcher Strenge bereitet hatte. Gott ließ Stürme und Fluten der Trübsal über ihn kommen; er sollte ein Werk tun, und alle Mächte der Erde und der Hölle, und scheinbar auch die des Himmels, traten ihm hindernd in den Weg. Die christliche Gemeinde, die er segnen sollte, sah auf ihn mit Arg¬wohn und misstrauen, und Gott Selbst, Der ihm den Auftrag gegeben, schien mit Seiner Vorsehung gegen ihn zu sein.
Hasserfüllte Juden, wilde Heiden und falsche Brüder waren seine beständi¬gen Verfolger; sein Leib kam nicht zur Ruhe, die Speise wurde ihm ver¬sagt, sein Durst blieb ungestillt, schwere Arbeit zehrte seine Lebenskraft auf, und die Erholung des Schlafs wurde Ihm oft nicht gegönnt; seine Füße wurden wund von seinen langen Reisen, er musste durch angeschwollene Flüsse waten, auf der Landstraße überfielen ihn Räuber, in den Städten stand er ohne Freund da, in der Wüste war er ohne Schutz, auf seinem Rücken hatten die jüdische Peitsche und die römische Geißel Furchen gezogen, er wurde gesteinigt und litt Schiffbruch, „Mühe und viel Arbeit, viel Wachen, Hunger und Durst, viel Fasten, Frost und Blöße“ - das war fast beständig die Lage seines Lebens. Und diese Dinge waren noch seine leichtesten Anfechtungen, weil es nur äußere Dinge waren, äußere Zuga¬ben, die man einen Tag erduldete und die am nächsten Tag wieder aufhö¬ren konnten. Aber sein Inneres wurde täglich von vielen Sorgen für die gesamte Kirche Christi angefochten - „der tägliche Anlauf an mich.“ Das war die Erfahrung des Mannes, den Christus ausgesandt hatte, die Saat Seines Worts auszustreuen. Und Paulus floh nicht vor seinem Auftrag wie einst Jona, sondern er trat freudig ein in den ihm verordneten Kampf und hielt darin aus bis ans Ende. Und doch war er in sich selbst ein schwacher Mensch, der auch von sich sagte: „Das Wollen habe ich wohl, aber das Vollbringen finde ich nicht“, und: dass er von selber nicht tüchtig sei, etwas zu denken als von ihm selber. lasst uns dieses Beispiel beachten.

Der in ihm mächtig war, kann in uns allen Seine Macht erweisen. Unsere äußeren Umstände sind verschieden von seiner Lebenslage. Unsere Väter, die in ihre Ruhe eingegangen sind, hatten ihre Anfechtungen, und sie über¬wanden durch Christus, Der sie dazu tüchtig machte. Wir sollen das Bei¬spiel ihres Glaubens befolgen, ohne uns künstlich in ihre Lebenslage versetzen zu wollen. Es liegt uns nicht ob, den Schauplatz unseres Glau¬benslebens für uns selbst zurechtzulegen, wie auch Paulus seiner Zeit nichts nachgeahmt, sondern einen neuen Kampf des Glaubens gekämpft hat. Die Feinde der Wahrheit und Gottes werden in den letzten Tagen schlimmer sein als in den ersten, und Gott will in den letzten Tagen wie in den ersten ein gegenwärtiger, lebendiger Helfer in der Not sein allen, die Ihm vertrauen.

Unsere Pflicht ist einfach die, dem Herrn Christus zu dienen; Ihm sollen wir unsere Leiber zum Opfer begeben, dass Er sie Seinem Willen gemäß gebrauchen möge zur Verherrlichung Gottes. Erhalten wir uns bei dieser unserer Pflicht, so unterliegt der Erfolg unsrer Hingabe an Gott keinem Zweifel. Und damit wir sowohl das tun können, was Gott von uns erwartet, als auch würdig werden, das zu empfangen, was Er uns geben möchte, so lasst uns Gemeinschaft mit Ihm halten, Ihn genießen, der den ganzen Wil¬len Gottes erfüllt und alle Seine Verheißungen ererbt hat. Er hat Gott in rechter Weise angebetet; Er hat den Willen Gottes vollkommen erfüllt; Er hat Gottes Werke mit wahrer und vollkommener Liebe gelebt; Er hat Sich Selbst für uns dargebracht am Kreuz als einziges, allgenügsames Opfer, Er reicht Sich Selbst uns dar vom Himmel; Er ist im Himmel zur Rechten Gottes, Er ist auch auf Erden da gegenwärtig, wo zwei oder drei sich in Seinem Namen versammeln; Er reicht Sich dar in Seinem heiligen Sakra¬ment: Er gibt uns Sein Fleisch zu essen, dass wir gestärkt werden, Seinen Willen zu tun, Er gibt uns Sein Blut zu trinken, damit wir es an uns selbst erfahren, dass in der Kirche der Kelch des Heils gespendet wird, und dass wir fröhlich jauchzen mögen.