Thesen
zur katholisch-apostolischen Theologie

Die theologische Positionen der katholisch-apostolichen Bewegung thesenartig und zugespitzt zusammengefasst. Auszug aus der Inauguraldissertation "Die katholisch-apostolischen Gemeinden" von Albrecht Weber (Marburg 1977)

Die Heilige Schrift

  1. Die hl. Schrift ist das als Menschenwort ergehende, vielfältige und doch eine, inspirierte Gotteswort. Sie ist ein geschlossenes und kanonisches Zeugnis der Offenbarung Gottes und damit Norm alles Handelns im Raum der Kirche.Es ist eine regelmäßige, intensive und umfassende Lektüre der Bibel durch Laien und Geistliche wünschenswert und notwendig.
  2. Der Auslegung biblischer Schriften ist eine philologisch und historisch exakt vorgehende, "wissenschaftliche" Erforschung angemessen. Diese "wissenschaftliche" Auslegung muss sich aber von allen weltanschaulichen Vorurteilen im Blick auf das Wirken und die Welt Gottes freimachen. Der Glaube bedient sich des Denkens, obwohl er die Grenze des Denkens übersteigt.
  3. Ein großer Teil der hl. Schrift bleibt ohne die Wiedererweckung des prophetischen Amtes in der Kirche dem auslegenden Verstand unzugänglich. Propheten sind für die Kirche so nötig wie die Augen für den Menschen.

Bekenntnisse

Die drei altkirchlichen Symbole Apostolikurn, Nicäno-Konstantipolitanum und Athanasianum bedürfen zwar der Interpretation, sind aber als Inbegriff katholischer (= ökumenischer.) Kirchenlehre aller Ehren wert, und Ihre Anerkennung sollte als Voraussetzung für das geistliche Amt für den Ordinanden verbindlich sein.

Neue Bekenntnisse sind berechtigt und müssen den Notwendigkeiten der jeweiligen (kirchen-) geschichtlichen Situation entsprechen. Um dem Ziel der Überwindung der Kirchenspaltung näherzukommen sollte jedoch darauf verzichtet werden, Bekenntnisse über die drei altkirchlichen Symbole hinaus als letztverbindlich und ihre Anerkennung als unabdingbar hinzustellen.

Theologie (Grundkriterien)

  1. Eine gesunde Theologie wird in wesentlichen Punkten komplementär dargestellt werden; sie schützt die Geheimnisse, die sie in sich birgt, vor verwegenem Zugriff des Verstandes. Bei allem Bemühen um Fortschritt hinsichtlich der Erkenntnis, des sprachIichen Ausdrucks und der situationsentsprechenden Angemessenheit hütet sie sich, Ihre ökumenischen Grundlagen preiszugeben. Sie leitet an zur Anbetung Gottes.
  2. Kriterium für den Fortschritt christlicher Theologie ist weder die Menge noch die Subtilität theologischer Abhandlungen, vielmehr das entsprechende Maß der Entfaltung göttlichen Lebens in der Kirche und die Manifestierung des "Salz"- und "Licht"-Charakters der Kirche gegenüber der Welt.
  3. Als Grundkriterien jeder christlichen Theologie dürfen betrachtet werden:
    1.  
    2. Offenbarungsgemäßheit,
    3. Geistgemäßheit,
    4. Mysteriumsgemäßheit,
    5. Bekenntnisgemäßheit und Wandelbarkeit,
    6. Gegenwartsbezogenheit,
    7. Ökumenizität,
    8. Hoffnungsbestimmtheit und
    9. Missio-Struktu
       
  4. Kritische Befragung und Ablehnung erfährt damit:
    1. eine Theologie, die sich spekulativ von der Schrift entfernt und die Wahrheitsfrage überspielt;
    2. eine Theologie, die mehr sein will als Dienerin des Glaubens, der auch dem Unmündigen, Armen und theologisch Unwissenden zuteil werden kann;
    3. eine Theologie, die de facto ohne die Erleuchtung des Heiligen Geistes auskommen möchte; -
    4. die HERMENEUTIK auf den Schild hebt, dem Heiligen Geist aber nur ein Winkeldasein zuweist;
    5. eine Theologie, die das Geheimnis des Glaubens nicht schützt, sondern rationalistisch verfälscht;
    6. eine Theologie, die in Formeln erstarrt;
    7. eine Theologie, die das übergeht, was der Heilige Geist im Verlauf der Kirchengeschichte gewirkt hat;
    8. eine Theologie, welche den Gegenwartsbezug vernachlässigt zugunsten einseitiger Kultivierung von Traditionspflege und Erhebung dessen, was die Väter sagten;
    9. eine Theologie, die keinen Bezug auf die Tagesordnung von Kirche und Welt nimmt sowie auf das, was Gott In Welt und Kirche zu tun sich anschickt;
    10. eine Theologie, die in konfessioneller und sektiererischer Enge und Abgeschlossenheit verharrt und dabei zum Dialog unfähig wird;
    11. eine Theologie, der der weite Atem der Hoffnung auf die verheißene Weltvollendung durch Jesus Christus fehlt, die darum kurzschlüssige, hektische und illusorische Parolen ausgibt und
    12. eine Theologie, die sich in Theorienpflege ergeht, ohne am Gemeindebezug, an der Hilfe für eine angemessene Verkündigung und am selbstvergessenen Dienst für Kirche und Welt wahrhaft interessiert zu sein.

Heilsgeschichte

  1. In der Geschichte Gottes mit den Menschen sind bestimmte Epochen zu unterscheiden. In allen Epochen. treten bestimmte typologische Strukturähnlichkeiten zutage.
  2. Diese Ähnlichkeiten machen In bezug auf den Menschen seinen tiefen Fall, seine bleibende Anfälligkeit für die Sünde und seine große und unaufhebbare Erlösungsbedürftigkeit offenkundig; In bezug auf Gott treten der Ernst seines Gerichtes und die Stetigkeit des Erweises seiner Treue und Barmherzigkeit klar hervor.
  3. Durch die erneute Sendung der Apostel und Propheten zur Vorbereitung der Kirche auf die Parusie Christi wird das Ende der christlichen Haushaltung angekündigt. Die Annahme Christi in seinen Aposteln und Propheten bedeutet für die Christenheit Segen; die Ablehnung Jesu in seinen Aposteln bedeutet endzeitliches Gericht.

Die Lehre von Gott

Von großer Wichtigkeit ist die komplementäre Zusammenschau von Gotteserkenntnis und Nachfolge, Gotteslehre und Anbetung, Gotteserfahrung und Erfahrung seines charismatisch-pneumatischen Wirkens im Raum der Kirche wie auch von Aktion, und Kontemplation.

Schöpfung

  1. Durch die in Jesus Christus geschehene Erlösung soll die Schöpfung seitens des Menschen nicht abgetan, sondern In neuer Weise in den Dienst Gottes gestellt werden.
  2. Eine christlich begründete Leibfeindlichkeit ist darum ebenso zurückzuweisen wie eine theologisch motivierte Ablehnung von symbolischer Verwendung der Schöpfung im Gottesdienst der Kirche und bei den Frömmigkeitsübungen der Christen.
  3. Die Argumente gegen die Existenz von Engeln als geschaffenen Geistwesen und Boten Gottes sind nicht stichhaltig, nähren einen Geist des Skeptizismus unter den Christen und berauben den Menschen des Zugangs zu der unsichtbaren Welt Gottes.
  4. Die Annahme, der Satan sei eine nichtexistente Mythosfigur, verharmlost den Kampf, den jeder Christ. zu kämpfen hat; sie macht blind gegen die verheerende Wirksamkeit der Dämonie und erschwert den Kampf gegen sie außerordentlich.
  5. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht weder im Leib, noch In der Seele noch im Geist des Menschen an und für sich, sondern in dem Erfülltwerden des Menschen nach Geist, Leib und Seele durch den Heiligen Geist. Als pfingstliche Gabe ist dieser der Geist des verherrlichten Gott-Menschen Jesus Christus. des vollkommenen Ebenbildes Gottes.
  6. Das leibliche, geistige und seelische Vermögen des Menschen sollte nach paulinischer Sicht klar unterschieden werden. Das bedeutet: Frömmigkeit ist nicht primär eine Funktion des Verstandes oder des Gefühls, sondern eine Verwirklichung personaler und pneumatischer Beziehung zu Gott. Gefühl, Betätigung des Verstandes und leibliches Handeln sollten dieser personalen und pneumatischen Beziehung des Menschen zu Gott dienstbar sein.
  7. Wille, Vorstellungsvermögen und Phantasie, Vernunft und Empfinden sind Komponenten des seelischen und geistigen Lebens eines Menschen, welche im Handeln der Kirche, besonders in der Seelsorge und Predigt, allesamt Beachtung und Pflege erfahren müssen. Einseitige Beachtung und Pflege einzelner, dieser Komponenten im Handeln der Kirche hat eine krankhafte Frömmigkeit zur Folge.
  8. Über den Zustand des Menschen zwischen Tod und Auferstehung sagt die römisch-katholische Theologie mehr, als Gott in der Schrift darüber offenbart hat, evangelische Theologie sagt und weiß im allgemeinen darüber zu wenig.
  9. Ein biblisch gesundes Wissen um jenen "Zwischenzustand" fehlt weithin. Es ist aber von großer Wichtigkeit für die Verwirklichung der Katholizität der Kirche in der Fürbitte für die im Glauben Entschlafenen. Diese Fürbitte für die Entschlafenen kennt keine Heillgenanrufung, sondern stützt sich allein auf die einzige Mittlerschaft Jesu Christi. Diese Fürbitte ist Gedenken der Entschlafenen vor Gott und nicht der Versuch einer Beeinflussung des ewigen Gerichtes.

Christologie

Zu den unabdingbaren Fundamentalinhalten jeder gesunden Christologie gehören: das Bekenntnis zu der Menschwerdung Gottes in Jesus und zu dem stellvertretenden Opfertod, der personalen Auferstehung wie auch der endgeschichtlichen Parusie Christi.

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