Die Apostel

DIE ENTWICKLUNG DES APOSTOLATS

Von 1832 bis 1835 wurden zwölf Männer verschiedener kirchlicher Richtung, der Mehrzahl nach Laien, als Apostel bezeichnet. Der erste, der so als Apostel bezeichnet wurde, war der Rechtsanwalt John B. Cardale. Diese Kundmachung geschah Ende des Jahres 1832 während einer Gebetsversammlung in seinem Hause. Als Cardale um eine Ausgießung des Heiligen Geistes betete, trat Henry Drummond, der an diesen Versammlungen teilzunehmen pflegte, an ihn heran mit dem mächtigen Rufe: "Spende den Heiligen Geist: Bist du nicht ein Apostel?" Die Kundmachung Cardales als Apostel wurde später in vielen Gemeinden durch Prophetie bestätigt.

L. Albrecht stellt aber klar, dass ein Wort der Prophetie niemand zu einem Apostel machen kann. Apostel seien unmittelbare Gesandte Jesu. Paulus schreibe den Galatern, Gott habe ihn schon von seiner Geburt an ausgesondert und durch seine Gnade berufen (1,15). Was nur Christus nach seinem Ratschluss im Geheimen bestimmt habe, das mache er zu gegebener Zeit öffentlich kund. Dies geschehe in der Kirche durch den Heiligen Geist, der durch das Wort der Prophetie Christi Willen offenbare (Joh. 16, 13 f.). Der Apostel Cardale habe auch später oft gesagt, das prophetische Wort, durch welches er als Apostel bezeichnet wurde, habe ihm keineswegs die erste Kunde von seiner Bestimmung zu diesem Amte gebracht. Im Gegenteil, Christus habe ihm seinen Willen, ihn als Apostel auszusenden, schon früher und ganz unabhängig von jenen Worten, kundgetan. Auch andere der später berufenen Apostel sollen ähnliches erklärt haben.

Als unbedingt erforderlich für einen Apostel sehen die katholisch-apostolischen Gemeinden die unmittelbare Sendung durch Jesus Christus und Gott den Vater an. Die Art und Weise, wie Christus Apostel unmittelbar berufe, sei verschieden. Die ersten Zwölf habe Jesus während seiner irdischen Lebenszeit durch sein eigenes mündliches Wort berufen. Die Wahl des Matthias, der an die Stelle des Judas trat, und die noch vor dem Pfingstfest stattfand, habe Christus nach alttestamentlicher Weise durch das Los vollziehen lassen (Apg. 1,15-26). Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes und der Stiftung der Kirche, in der der Heilige Geist wohnt und Christi Willen kundtut, habe Christus in bezug auf Paulus und Barnabas seine Absicht durch prophetisches Wort offenbart (Apg. 13, l-4). Ein solcher Ruf des prophetischen Wortes habe an Matthias nicht ergehen können, weil damals der Heilige Geist noch nicht gesandt war.

Nach J.B. Cardale wurden folgende Männer als Apostel kundgemacht:

25. Sept.1833: Henry Drummond (1786-1860): Anglikaner, Bankier und ehemaliges Parlamentsmitglied, 47 Jahre alt;

14. Dez. 1833: Spencer Perceval (1795-1859): Anglikaner, Sohn eines ermordeten englischen Premierministers, Staatsbeamter und ehemaliges Parlamentsmitglied; 38 Jahre alt;

18. Dez. 1833: John Henry King-Church (1787-1865): freikirchlich, Kongregationalist, königlicher Beamter des Tower, 46 Jahre alt;

18. Jan. 1834: Nicholas Armstrong M.A. (1801-1879): zunächst anglikanischer, dann kongregationalistischer Geistlicher, 33 Jahre alt;

13. Aug. 1834: Francis Valentine Woodhouse (1805-1901): Sohn eines anglikanischen Geistlichen, Jurist (Rechtsanwalt), 29 Jahre alt;

18. Febr.1835: John Owen Tudor (1784-1861): Schriftsteller und Lehrer der alten Sprachen (Griechisch und Hebräisch), Anglikaner, Herausgeber der Zeitschrift "The Morning Watch", 51 Jahre alt;

Apr. 1835: Henry Dalton M.A. (1805-1869): anglikanischer Geistlicher, 30 Jahre alt;

1. Mai 1835: Thomas Carlyle (1803-1855): Presbyterianer, Rechtsanwalt, 31 Jahre alt;

20. Mai 1835: Francis Sitwell (1787-1864): Anglikaner, Offizier und Gutsbesitzer, Kirchenpatron, 48 Jahre alt;

3.Juni 1835: William Dow M.A. (1800-1855): presbyterianischer Geistlicher, 35 Jahre alt.

Der Schotte David Dow, der schon im Jahre 1833 (wie man meinte: eigenmächtig und voreilig) als Apostel aufgetreten war, verweigerte seine Zustimmung, als er schließlich als Zwölfter zum Apostel berufen wurde. An seiner Stelle wurde Duncan MacKenzie berufen, ein ehemaliger Presbyterianer (Laie), bis dahin Engel der katholisch-apostolischen Gemeinde Islington (London).

Mit der Berufung von Aposteln war nach H.W.J. Thiersch ein Schritt von unermesslicher Bedeutung geschehen: "Es gehörte ein großes Maß von Glauben und Gehorsam dazu, um einen so unerwarteten und erstaunlichen Ruf anzuerkennen, nicht nur von Seiten der Gemeinden, sondern auch von Seiten der Berufenen. Diese waren weit entfernt von Selbstüberschätzung und Vermessenheit. Sie standen in Furcht und Zittern, sie waren sich ihrer Unwürdigkeit und Unerfahrenheit bewusst. Sie wagten nicht aus eigenem Antrieb zu reden oder etwas zu tun. Aber es kamen Augenblicke, wo sie in heiliger Versammlung durch die überwältigende Kraft des heiligen Geistes getrieben wurden, Ordinationen mit Handauflegung zu vollziehen und amtliche Worte und Gebete unter Inspiration zu sprechen. Was sollten sie tun? Durften sie widerstehen? Sollten sie fliehen vor dem Herrn wie Jonas? - Nein. Sie taten Recht zu gehorchen."

Aus vielen Zeugnissen geht hervor, dass die zu Aposteln Berufenen keinerlei Plan und keinerlei vorgefertigte Theorie über ihr Amt hatten. So schreibt einer der Zwölf, Thomas Carlyle, im Rückblick: "Niemand wusste, was ein Apostel sei, welche Pflichten und Verrichtungen mit diesem Amte verbunden seien. Wir mussten alles wie Kinder lernen, wir mussten alle in die Schule gehen, und manchmal in eine sehr schwere Schule. Nun entstand die Frage, wie das apostolische Amt ausgeübt werden sollte. Wir sahen: alle anderen Ämter werden durch Apostel eingesetzt, aber die Apostel allein durch den Herrn."

Carlyle berichtet weiterhin, dass in der Anfangszeit die Apostel es nicht wagten, aus eigenem Pflichtgefühl und Überzeugung etwas als Apostel zu tun oder zu sagen, und zwar aus mehreren Gründen:

  1. Sie fühlten ihre Unwissenheit und fürchteten, Holz, Heu und Stoppeln aufzubauen statt Gold, Silber und Edelsteine;
  2. sie glaubten noch nicht genügend an die schon eingetretene Wirklichkeit ihres Amtes, an den Ratschluss Gottes mit ihnen und an die Bereitung von Herzen, Apostel aufzunehmen;
  3. sie waren über einen längeren Zeitraum hinweg noch nicht voll in der von Gott angekündigten Vollzahl als Zwölf;
  4. die meisten der zu Aposteln Berufenen standen in der Anfangszeit noch unter dem Regiment irgendeines Geistlichen, eines Gemeindebischofs ("Engels"). So handelten die zu Aposteln berufenen Männer in der Anfangszeit nur auf jedesmalige spürbare Inspiration hin und nur vorübergehend. Es war, wie Carlyle es interpretiert, ein Zustand der Kindheit, der Schwäche und der Unwissenheit.

Dieser Zustand sollte aufhören, als die Apostel auf prophetisches Geheiß hin inmitten der sieben in London gesammelten Gemeinden zu ihrem Werk feierlich ausgesondert wurden. Das heißt: die Apostel wurden von allen bisherigen Verpflichtungen in Einzelgemeinden befreit und für ihren umfassenden Auftrag an die ganze Kirche frei gemacht.

Nach ihrer Aussonderung am 14.Juli 1835 nahmen die Apostel auf prophetischen Wink hin ihren Wohnsitz in dem kleinen Dorf Albury unweit von London (in der Nähe von Guildford).

(Text: nach Albrecht Weber, Die Katholisch- apostolischen Gemeinden, Marburg, 1977) Texte auf den Einzelseiten aus J. Aarsbo, Lebeslauf und Wirsamkeit der Apostel.)

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