Die
Eine Kirche Die Kirche ist „Eine“ und kann nur Eine sein (Epheser 4, 4-6). Denn das eine himmlische Haupt hat nur einen geheimnisvollen Leib, und alle Glieder dieses Leibes sind erfüllt mit einem Leben, dem Auferstehungsleben Jesu Christi, das ihnen mitgeteilt ist durch das Sakrament der Taufe.
Sie werden ernährt durch die eine himmlische Speise im heiligen Abendmahl; sie werden gesalbt mit dem einen Geist der Herrlichkeit; sie sollen unter einer Leitung durch die von Gott gegebenen Ordnungen vereinigt und zu demselben Ziel der Hoffnung geführt werden. Die Kirche soll Eine sein im Wort und Sakrament, Eine in ihren Ordnungen, Eine im Gottesdienst, Eine nach innen und Eine nach außen.
Wie sehr dem Herrn die Einheit der Kirche am Herzen liegt, erkennen wir deutlich aus seinem hohenpriesterlichen Gebet (Joh. 17, 29-23). Im Blick auf seine zukünftige Gemeinde, die durch die Predigt der Apostel gesammelt werden sollte, bittet er hier viermal den Vater, sie in der Einheit, in vollkommener Einheit zu erhalten. Ja, die Einheit der Gläubigen untereinander soll so innig sein, wie die Einheit zwischen dem Vater und dem ewigen Sohne; diese himmlische Einheit soll in einem Abbild auf Erden in der Kirche geschaut werden. Durch die Einheit der Kirche soll die ungläubige Welt zu dem Glauben an Christus geführt werden. Eine Kirche also, die uneinig und zerrissen ist, kann die Menschen nicht zum Glauben an den Sohn Gottes bringen; sie ist unfähig, Christi Zeugin an die Welt zu sein; ja, sie muss wegen ihrer Zerrissenheit ein Sprichwort unter den Völkern werden und lädt dieselbe Schuld auf sich, wie einst das alte Bundesvolk, zu welchem gesagt ward: „Eurethalben wird Gottes Name gelästert unter den Heiden“ (Röm. 2, 24).
Die erste Gemeinde war wirklich „Ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4, 32). Aber gar bald wurde es anders. Das Unheil der Spaltung entstand zuerst in der Gemeinde zu Korinth (1. Kor. 1, 11-13). Heute rühmt man sich sogar dieses Zustandes. Die einzelnen Parteien sind stolz auf ihre selbsterwählten Namen; sie halten es für das Zeichen einer ganz besonders geistlichen Gesinnung, auf die Worte ihrer Führer zu schwören, sei es nun der Papst in Rom, sei es Luther, Calvin oder ein anderer. Aber was sagt Gottes Wort dazu? „Denn wenn Eifer und Zank und Zwietracht unter euch sind, seid ihr dann nicht fleischlich und wandelt nach menschlicher Weise? Denn so einer sagt: ich bin paulisch, der andere aber: ich bin apollisch; seid ihr dann nicht fleischlich?‘ (1. Kor. 3, 3. 4). Die Spaltungen in der Kirche sind also nicht eine unvermeidliche Folge ihrer Entwicklungsgeschichte oder eine notwendige Frucht der Ausgestaltung des kirchlichen Lebens, sondern sie sind ein Beweis von fleischlicher Gesinnung und müssen deshalb als eine schwere Gesamtschuld, die auf der Kirche ruht, von uns allen beklagt und bereut werden.
Aber trotz ihrer Zerrissenheit in viele Sekten und Parteien ist die Kirche in Gottes Augen nur Eine. Gott hat ihre Einheit geschaffen durch die Wirkung des Heiligen Geistes, und was Gott aufrecht hält, kann keine menschliche Macht und Untreue hinwegtun. Die Bannstrahlen und Ketzergerichte, durch welche die einzelnen Abteilungen der Kirche sich gegenseitig ausschließen und verdammen, sind im Himmel nicht anerkannt. Gott sieht alle Getauften in ihrer Gesamtheit als das Eine Volk des neuen Bundes an; und jetzt, da er sich aufgemacht hat, seinem Volke zu helfen und es auf seine vollkommenen Wege zurückzuführen, wendet er sich nicht an eine einzelne Abteilung der Kirche, sondern an alle ohne Unterschied, die durch die Eine Taufe zum Tempel des neuen Bundes gehören.
Zu der einen Kirche Gottes gehören nicht bloß die lebenden, sondern auch die entschlafenen Gläubigen. Die vielen Millionen aus allen Zeiten und Geschlechtern, die hier auf Erden ihren Lauf mit Freuden vollendet haben und nun im Frieden Gottes von ihrer Arbeit ruhen, bilden mit den lebenden Bekennern des Herrn eine Einheit, an welcher der Tod nichts ändern kann. (Röm. 14, 8; Hebr. 12, 23).
In jeder Feier der Eucharistie und besonders am Allerheiligenfest freuen wir uns in der seligen Gemeinschaft der Heiligen Gottes und gedenken vor dem Herrn aller, die im Glauben entschlafen sind. Wir ehren ihr Andenken, wir sagen Gott Dank für die mannigfaltigen Wohltaten, die er ihnen geschenkt hat und sehnen uns mit ihnen nach der Erfüllung unserer gemeinsamen Hoffnung am Tag der herrlichen Auferstehung. Was wird das für ein Freudentag sein, wenn die Eine Kirche Gottes, aus Lebenden und Entschlafenen zusammengebracht, als eine große Festversammlung im Glanze der Verklärung vor das Angesicht des Herrn treten wird, um jenen himmlischen Gottesdienst zu beginnen, der in alle Ewigkeit nicht enden soll.
Die Kirche ist „heilig“. Als „Heilige“ werden die Christen im Neuen Testament oft bezeichnet (Apg. 9, 32; Röm. 15, 26; Eph. 1, 1; Phil. 1,1; Kol. 3, 12; 1. Petr. 2, 9). Die Kirche ist heilig wegen ihrer Verbindung mit dem himmlischen Haupt und Herrn; sie ist heilig als der Tempel des Heiligen Geistes, der in ihr Wohnung genommen hat (1. Kor. 3, 17); sie ist heilig, indem sie mit der Frucht des Geistes (Gal. 5, 22) und den mancherlei Gaben des Geistes geschmückt ist (1. Kor. 12, 7-10). Weil die Kirche in ihrem Wesen heilig ist, soll sie auch heilig sein in allem ihren Wandel. Sie soll ihr Licht leuchten lassen in der Finsternis dieser Welt (Matth. 5, 16; Phil. 2, 15; 1. Petr. 2, 12), sie soll die Tugenden des Herrn verkündigen (1. Petr. 2, 9) und als solche, die mit Christus eins ist, soll sie hier auf Erden auch wandeln, gleichwie er gewandelt hat (1. Joh. 2, 6). „Sagt man: im Leben der Kirche, weil es ein menschliches ist, bleibt die Sünde unvermeidlich, so spricht man damit entweder die Irrlehre aus, dass Christi Leben kein menschliches war, oder die Lästerung, dass es nicht ohne Sünde blieb.“ Der wirkliche Zustand der Kirche steht mit ihrem himmlischen Wesen in entsetzlichem Widerspruch. Der von dem Herrn und seinen Aposteln geweissagte Abfall (Matth. 13, 24-43; 1.Kor. 10, 6. 11; 2.Kor. 11,3; 1.Tim. 4, 1ff.; 2.Tim. 3, 1-5; 2.Petr. 2, 1.2; 3, 3.4) ist heute in der Christenheit riesengroß zu Tage getreten (Klag. Jer. 2, 13; Jesaia 1, 5.6). Ja, es hat sich unter den Christen eine neue Stufe des Bösen gezeigt, die weder unter den Juden, noch unter den Heiden jemals offenbar geworden ist, und es reift jetzt ein Geschlecht heran, mit dem es an Gottlosigkeit ärger wird, als es je vorher in der Welt gewesen ist (Matth. 12, 43-45).
Was ist nun bei diesem Verfall in der Kirche die gemeinsame Pflicht aller Getauften? Nicht Beschönigung oder Rechtfertigung der vorhandenen Unheiligkeit, nicht gegenseitige Anklage in selbstgerechtem, pharisäischem Geist, sondern Buße, aufrichtige Buße, die aus der Tiefe eines geängsteten und zerschlagenen Herzens in einem Danielsgebet zum Himmel aufsteigt (Dan. 9). Insonderheit am Karfreitag und am Tage vor Pfingsten werden wir aufgefordert, die Sünden der Christenheit zu Herzen zu nehmen und sie vor Gott zu bekennen. Diejenigen, welche da seufzen und jammern über alle Greuel, die in Jerusalem geschehen, zeichnet der Herr jetzt mit seinem heiligen Zeichen zur Errettung vor den bevorstehenden Gerichten (Hes. 9, 4-6).
Die Kirche ist „katholisch “. Vor diesem Namen schrecken viele Gläubige zurück, weil er ihnen unverständlich geworden ist. Katholisch heißt allgemein, allumfassend. Dies Wort gehört mit zu den Ehrennamen der Kirche. Leider ist es durch Missbrauch zum Parteinamen geworden. Eine große Abteilung der Kirche nimmt diesen Namen ausschließlich für sich in Anspruch. Aber der Name „römisch-katholisch“ enthält einen Widerspruch in sich selbst. Denn was römisch ist, kann nicht allumfassend sein, und umgekehrt, was allumfassend ist, kann sich unmöglich auf das Römische beschränken. Die Kirche ist katholisch oder allumfassend, weil sie alle gläubigen Kinder Gottes umfasst, sowohl die jetzt lebenden, als auch die seit dem ersten Pfingstfest entschlafenen. Keine einzelne christliche Gemeinschaft ist die Kirche schlechthin, sie alle sind nur verschiedene Teile und Bruchstücke der einen Kirche; darum ist es auch verkehrt und fleischlich, wenn die Anhänger der mancherlei kirchlichen Parteien die Bezeichnung „unsere Kirche“ im Munde führen. Klingt das nicht gerade so, als wäre die Kirche ein menschlicher Verein, der seine Mitglieder nach menschlichen Satzungen aufnehmen oder ausschließen könnte? Die Kirche ist eine göttliche Stiftung, und diese Stiftung ist nach Gottes Willen katholisch, d. h. sie umfasst alle Getauften. Die Kirche ist ferner katholisch, weil sie nicht auf ein einziges Volk beschränkt ist, wie einst im alten Bund die Gemeinde Israels, sondern weil sie Menschen aus allen Völkern der Erde in ihren Schoß aufnehmen soll, weil sie bestimmt ist, das Evangelium aller Kreatur zu predigen, die Ströme des lebendigen Wassers über die Wüste dieser Welt nach allen Seiten zu ergießen und alle ohne Unterschied, die da glauben, des Heiles Christi teilhaftig zu machen und sie durch die Taufe zu derselben Kindschaft Gottes zu führen. Die Kirche ist auch katholisch, weil sie alle Arten der menschlichen Anlagen und Charaktere umfasst und in ihrem Dienst reinigt und heiligt, weil sie für alle Not und Leiden der Menschen ein Herz hat und für jedes Elend das rechte Heilmittel bietet.
Die Kirche ist endlich „apostolisch“. Apostolisch heißt gesandt. Die Kirche ist von Christus als seine Botin an die Welt gesandt, wie er selbst gesandt ist vom Vater (Joh. 17, 18; 20, 21). Die Kirche ist apostolisch in ihrem ganzen Wesen, Geist und Wirken; sie geht aus als die Gesandte des Sohnes Gottes, um den Menschenkindern die Fülle seines Segens mitzuteilen, um seine Wahrheit, Liebe und Herrlichkeit der Welt zu offenbaren und die Auserwählten aus allen Menschen, in Einheit und Reinheit vollendet, zu dem Erbteil der Heiligen im Licht zu führen. Die Kirche ist als Christi Botin die Lehrerin der Völker und der einzelnen, der Herrscher und der Untertanen, der Weisen und der Unweisen; sie erschließt allen Menschen die Geheimnisse des Himmelreichs; sie trägt Christi Gesetz in ihrem Herzen, Christi Weisheit in ihrem Sinn, Christi Wort auf ihrer Zunge, Christi Macht über Gnade und Gericht in ihren Händen (Joh. 20, 23; Matth. 18, 18). Die ganze Kirche ist apostolisch, nicht nur irgend welche zwölf Männer. Aber andererseits kann die Kirche ihren apostolischen Beruf nicht vollkommen ausrichten, ohne Apostel an ihrer Spitze zu haben. Nicht tote Apostel, nicht die Schriften entschlafener Apostel, so wichtig und heilig sie uns auch sind, reichen aus, damit die Kirche ihren apostolischen Beruf erfülle, sondern lebendige Apostel sind dazu nötig, Männer, nicht gesandt „von Menschen, auch nicht durch Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott den Vater, der ihn auferwecket hat von den Toten“ (Gal. 1, 1).
Wie die ganze Kirche den Namen katholisch-apostolisch trägt, so sollte auch jede einzelne Gemeinde innerhalb der einen Kirche nur diesen Namen führen. Legt sie sich einen anderen Namen bei, so macht sie sich der Sektiererei schuldig. Darum nennen sich auch die Gemeinden, welche in der Gegenwart unter der Leitung der Apostel des Herrn stehen, obwohl sie von den Menschen in irrtümlicher und unbilliger Weise mit einem Sektennamen gebrandmarkt werden, „katholisch-apostolische“ Gemeinden in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Sie bezeugen durch diesen Namen nicht ihre Trennung von der Kirche, sondern gerade im Gegenteil ihre vollkommene Einheit und Gemeinschaft mit der ganzen Kirche Gottes aller Zeiten. Sie erklären mit diesem Namen, dass sie keine besondere Partei in der Kirche bilden wollen - denn wie könnten jemals Apostel des Herrn zu Parteiführern und Sektenstiftern sich aufwerfen? — sondern dass sie alle Sektiererei und Spaltung in der Kirche als Sünde verabscheuen, und sie erkennen es auch als ihre Pflicht, diese Sünde im Namen aller Getauften als eine schwere Schuld, die auf uns liegt, vor Gott zu bekennen und bußfertig zu bereuen.
Aus „Abhandlungen über die Kirche, besonders ihre Ämter und Gottesdienste“ von Ludwig Albrecht.
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